Die umgekehrte Aufmerksamkeit

Die umgekehrte Aufmerksamkeit

 
Ich stehe vor meinem Kaffeevollautomaten und ziehe mir einen Cappuccino. Eine ganz normale, kleine Handlung. Und manchmal, wenn ich bewusst hinschaue, beginnt etwas in mir zu staunen.
 
Da sind Kaffeebohnen, gewachsen in einem fernen Land, geerntet, verarbeitet, auf Schiffe verladen, über Ozeane transportiert, in einer Rösterei veredelt, in den Handel gebracht. Da ist Milch von Kühen, die auf einer Weide grasen, die Futter brauchen, Stall, Pflege, Betreuung. Da ist Wasser, da ist Strom, da ist die Tasse in meiner Hand, der Kühlschrank, der die Milch kühlt. Hinter all dem: ganze Wirtschaftszweige, Finanzmärkte, unzählige Menschen, deren Arbeit zusammenläuft, damit ich morgens diese eine Tasse in der Hand halte.
 
Und normalerweise? Denke ich darüber gar nicht nach. Ich trinke meinen Cappuccino, wie ich Wasser aus dem Hahn nehme oder im Supermarkt einkaufe – selbstverständlich, gewohnt, unbeachtet.
 
Wohin geht unsere Aufmerksamkeit? Mir ist aufgefallen:
Wir richten unsere Aufmerksamkeit meist auf das, was nicht funktioniert. Erst wenn das Wasser nicht mehr fließt, wird es wichtig. Erst wenn das Regal im Supermarkt leer ist, merken wir, was da sonst selbstverständlich war. Das Funktionierende bleibt unsichtbar – gerade weil es funktioniert.
 
Es ist fast so, als hätte unsere Wahrnehmung einen eingebauten Mechanismus: Störung wird beachtet, Fluss wird übersehen.
 
Was, wenn es umgekehrt wäre?
 
Mich beschäftigt ein Gedanke: Was, wenn diese Aufmerksamkeit grundsätzlich umgekehrt laufen würde? Wenn das Fließen selbst die Beachtung bekäme – nicht erst das Stocken?
 
Wenn ich vor dem Wasserhahn stehe und das Wasser läuft, und ich nehme das wahr. Nicht als Pflichtübung, sondern als echtes Innehalten: Das fließt. Jetzt. Hier. Wenn ich im Supermarkt stehe, umgeben von allem, was ich brauche, und ich lasse diesen Überfluss kurz wirklich ankommen, statt nur den nächsten Punkt auf der Einkaufsliste abzuhaken.
 
Beim Cappuccino gelingt mir das hin und wieder ganz bewusst. Ich lasse den Gedanken an die Kaffeebohnen, an die Kühe, an die Schiffe, an die Menschen entlang dieser langen Kette kurz da sein. Und in diesem Moment verändert sich etwas. Die Tasse in meiner Hand ist nicht mehr nur ein Getränk. Sie ist ein Knotenpunkt – von Arbeit, von Natur, von Beziehung, von Welt.
 
Eine andere Art zu sehen.
 
Ich glaube, das ist kein Trick, um optimistischer zu werden oder Probleme zu verdrängen. Es ist eher eine Erweiterung der Wahrnehmung. Das, was nicht funktioniert, verdient genauso Aufmerksamkeit wie bisher. Aber das, was funktioniert – die unzähligen unsichtbaren Ströme, die unser Leben tragen – verdient sie eben auch.
 
Vielleicht ist es gar keine Frage von Entweder-Oder, sondern von Erweiterung: die Aufmerksamkeit nicht von den Schwierigkeiten weg, sondern zusätzlich zum Fließenden hin zu lenken.
 
Ich weiß nicht, ob sich das dauerhaft üben lässt, oder ob es solche Momente bleiben, die einen anspringen – beim Cappuccino, beim Wasserhahn, beim Gang durch den Supermarkt. Aber ich finde es lohnend, diesen Momenten Raum zu geben, wenn sie kommen.
 
Vielleicht magst du es selbst einmal ausprobieren – ganz ohne Anleitung, einfach beim nächsten Schluck aus deiner Tasse. Was zeigt sich, wenn du kurz hinschaust auf alles, was dahintersteckt, damit dieser eine Moment möglich ist?