Präsenz halten, ohne sich zu verlieren

Präzenz halten

Präsenz halten, ohne sich zu verlieren

In den letzten Wochen ist mir ein Gedanke immer wieder begegnet. In Gesprächen mit Klientinnen, in Begegnungen mit anderen Menschen und auch in meinem eigenen Leben. Immer wieder tauchte dieselbe Frage auf:

Wie kann ich für einen anderen Menschen da sein, ohne mich selbst dabei zu verlieren?

Als Kind fühlen wir uns unseren Eltern verpflichtet. Als Mutter oder Vater dem eigenen Kind. Als Schwester oder Bruder tragen wir eine Verbundenheit, die oft älter ist als wir selbst. Als Freundin oder Freund möchten wir helfen, wenn es darauf ankommt. Als Kollegin oder Kollege springen wir ein, wenn jemand an seine Grenzen kommt.

In all diesen Rollen kennen wir denselben Impuls: unterstützen wollen, entlasten wollen, da sein wollen.

Ich glaube, dieser Impuls kommt aus einem guten Ort. Aus Liebe. Aus Verbundenheit. Aus dem Wunsch, füreinander da zu sein.

Und genau hier begegnet uns oft eine Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist:

Wann bleibt Helfen ein Geschenk – und wann beginnen wir, uns selbst dabei zu verlieren?

Vielleicht kennst du das auch. Manchmal glauben wir, die Erwartungen kämen von außen. Doch wenn wir genauer hinschauen, entdecken wir, dass viele davon in uns selbst entstanden sind. Wir möchten niemanden enttäuschen. Niemanden allein lassen. Niemandem zur Last fallen.

Dabei schließen sich Mitgefühl und eine klare Grenze nicht aus. Ich kann den Schmerz eines anderen Menschen sehen. Ich kann seine Situation ernst nehmen. Ich kann mitfühlen.

Und trotzdem kann ich „Nein“ sagen, wenn ich spüre, dass ich damit meine eigenen Grenzen überschreiten würde.

Das gilt für jede Beziehung. Für das Kind, das nicht jede Erwartung der Eltern erfüllen kann. Für die Mutter oder den Vater, die nicht jedes Problem ihres Kindes lösen können. Für Geschwister, Freundinnen, Freunde oder Kolleginnen und Kollegen, die nicht immer verfügbar sein können.

Grenzen sind kein Rückzug aus einer Beziehung. Manchmal sind sie genau das, was einer Beziehung Halt gibt.

Vor einiger Zeit legten wir in einer Gesprächsgruppe eine Frage in das Energiezentren-Mandala. Sie lautete:

„Darf ich mir das erlauben?“

Die Teilnehmerin hoffte auf eine Antwort. Auf ein Ja. Vielleicht auch auf ein Nein.

Ich habe ihr vorgeschlagen, eine Weile mit der Frage zu gehen. Immer wieder neu, ohne sie festzuhalten. Ohne sie vorschnell beantworten zu müssen. Taucht ein Ja auf, oder ein Nein? Ein Vielleicht?

Und dann? Dann gehen wir weiter mit der Frage. Ich habe den Eindruck, dass manche Fragen etwas in uns bewegen, lange bevor wir eine Antwort kennen. Während wir mit ihnen leben, verändert sich oft unser Blick.

Manchmal verändert sich unser Leben. Und manchmal entdecken wir, dass die Frage längst nicht mehr dieselbe ist.

Vielleicht gilt das auch für das Helfen. Präsenz bedeutet nicht immer, alles aufzufangen. Es kann auch bedeuten, die Unsicherheit auszuhalten.

Darauf zu vertrauen, dass ein Mensch seinen eigenen Weg finden kann.

Und nicht jedes Problem muss von uns gelöst werden.

Nicht jede Sorge muss von uns getragen werden.

Es kommt der Moment, in dem wir loslassen dürfen. Weil andere Menschen ihre Verantwortung übernehmen können, andere Möglichkeiten entstehen. Oder weil das Leben selbst weiterführt.

Dieses Loslassen ist kein Verrat an der Liebe, die da ist. Sie ist ihr natürlicher nächster Schritt.

Wer für andere da sein möchte, braucht einen eigenen, beständigen Boden. Momente des Innehaltens. Die Erlaubnis, mitten in der Sorge um einen anderen Menschen auch sich selbst wieder wahrzunehmen.

Vielleicht beginnt genau dort eine Nähe, die beide trägt.

Den anderen. Und mich selbst.

Ich glaube, genau darin zeigt sich wahres Füreinander-da-Sein.