Eine Wurzel, viele Gesichter

viele Gesichter des einen

Die Gesichter der einen Wurzel

In meiner Arbeit begegnen mir viele Geschichten.
Eine Frau, die immer wartet, bevor sie sich erlaubt zu handeln.
Eine andere, die sich beweisen muss, um überhaupt gesehen zu werden.
Eine dritte, die hilft und rettet, oft bevor überhaupt jemand gefragt hat.
 
Auf den ersten Blick sind das ganz verschiedene Menschen mit ganz verschiedenen Themen. Aber wenn ich lange genug hinschaue, sehe ich immer wieder dasselbe darunter.
Eine einzige Wurzel. Viele Gesichter. 
 
Diese Wurzel ist das verlorene Vertrauen in die eigene innere Führung. Der Moment, in dem ein Mensch aufhört zu glauben, dass er sich selbst spüren, sich selbst tragen, sich selbst führen kann — und stattdessen beginnt, draußen zu suchen, was eigentlich nur drinnen zu finden ist. Diese eine Wurzel zeigt sich nicht bei allen gleich. Sie trägt viele Gesichter.
 
Das wartende Gesicht
wartet auf den richtigen Moment, die richtige Erlaubnis, bevor es sich erlaubt zu handeln.
 
Das angepasste Gesicht
macht sich klein, unauffällig, bequem für andere — aus einer alten Sorge heraus,
sonst nicht gehalten zu werden.
 
Das leistende Gesicht
glaubt, dass Wert sich verdient werden muss.
Ruhe fühlt sich an wie Stillstand.
 
Das rettende Gesicht
kümmert sich, hilft, trägt mit — weil es früh gelernt hat,
für die Gefühle anderer verantwortlich zu sein.
 
Das sich-beweisende Gesicht
muss auffallen, um überhaupt gesehen zu werden.
Stille fühlt sich an wie Unsichtbarkeit.
 
Das misstrauische Gesicht
zweifelt an dem, was es fühlt, bevor es das Gefühl überhaupt benennen kann.
 
Das suchende Gesicht
geht immer wieder nach außen, um Halt zu finden,
den es innen nicht zu finden glaubt.
 
Vielleicht erkennst du dich in einem davon wieder. Vielleicht in mehreren. 
 
Wo diese Wurzel entsteht, ist unterschiedlich. Vertrauen in die eigene innere Führung wächst dadurch, dass wir Herausforderungen begegnen, sie durchleben — und danach spüren: Ich habe das getragen. Ich konnte mir trauen.
 
Manchen Menschen fehlte genau das, weil das Leben zu viele Herausforderungen brachte, zu früh, zu unvorhersehbar. Anderen fehlte es aus dem entgegengesetzten Grund: Sie wurden so behütet, dass ihr Vertrauen nie herausgefordert wurde — und deshalb auch nie gestärkt werden konnte.
 
Beide Wege enden am selben Punkt. Einer Trennung von der eigenen inneren Führung. 
 
Das Gesicht, das du bei dir trägst, ist nicht dein Fehler. Es war einmal klug. Es war der beste Weg, den du damals kanntest, um sicher zu bleiben. Aber du bist heute nicht mehr an dem Punkt, an dem dieses Gesicht entstanden ist.
 
Und der erste Schritt zurück zu dir selbst ist nicht, das Gesicht loszuwerden. Es ist, es zu erkennen. Ohne Urteil. Ohne Eile.
 
Die innere Berufung eines jeden Menschen ist es, bei sich selbst anzukommen. Und manchmal beginnt dieser Weg damit, dass wir einfach nur hinschauen — und ein Gesicht erkennen, das wir schon lange tragen, ohne es je beim Namen genannt zu haben.