Wenn aus Möglichkeiten Fähigkeiten werden
Manchmal wissen wir längst, wie wir gerne handeln würden. Wir wissen, dass wir Nein sagen dürfen. Dass wir um Hilfe bitten können. Dass wir nicht alles alleine tragen müssen. Und dann kommt dieser eine Augenblick.
Jemand überschreitet unsere Grenze – und wir schweigen. Jemand bietet uns Hilfe an – und noch bevor wir darüber nachdenken, hören wir uns sagen:
„Nein danke, ich schaffe das schon.“
Wir kennen die andere Möglichkeit. Doch in diesem Moment steht sie uns noch nicht zur Verfügung. Mich beschäftigt daran eine Frage:
Wann wird aus einer Möglichkeit eine Fähigkeit?
Wissen allein reicht manchmal nicht
Nehmen wir das Setzen einer Grenze. Ich kann meine Grenzen kennen, Bücher darüber gelesen haben und anderen wunderbar erklären, wie wichtig es ist, für sich einzustehen. Und trotzdem kann es geschehen, dass ich im entscheidenden Moment still werde. Vielleicht spüre ich die Grenzüberschreitung sogar deutlich im Körper. Trotzdem lächle ich, erkläre, halte aus oder ziehe mich zurück.
Diese Reaktion hat möglicherweise eine Geschichte.
Vielleicht war Stillwerden einmal eine sinnvolle Bewegung. Ein Kind, dessen Nein keine Wirkung hatte oder unangenehme Folgen auslöste, findet andere Wege: sich anpassen, nicht auffallen, aushalten.
Was einmal hilfreich war, kann weiterlaufen,
obwohl die damalige Situation längst vergangen ist.
So könnte man auch auf manche Konditionierungen schauen: als Bewegungen, die einmal stimmig waren und heute noch geschehen, bevor wir überhaupt wählen.
Wenn eine Möglichkeit verfügbar wird
Vielleicht tragen wir viele Möglichkeiten bereits in uns. Mut. Vertrauen. Abgrenzung. Nähe. Rückzug. Vergebung. Wut. Sprechen. Schweigen. Doch eine Möglichkeit zu haben bedeutet noch nicht, in einer konkreten Situation über sie verfügen zu können. Dafür braucht es Erfahrung.
Ich probiere etwas aus. Vielleicht gelingt es beim ersten Mal kaum. Ich spüre meine Unsicherheit, nehme meinen Körper wahr und erlebe, was geschieht. Beim nächsten Mal geht es ein wenig anders. Und irgendwann steht mir etwas zur Verfügung, das vorher nur ein Gedanke war.
Aus einer Möglichkeit ist eine Fähigkeit geworden.
Der Bewegungsraum wird größer
Für mich zeigt sich darin auch Wahlfreiheit. Wenn ich mich in schwierigen Situationen immer zurückziehe, läuft möglicherweise eine vertraute Bewegung ab. Rückzug kann trotzdem genau das Richtige sein. Spannend wird eine andere Frage: Könnte ich auch bleiben?
Kann ich sprechen ODER schweigen? Kann ich Ja sagen ODER Nein? Kann ich Nähe zulassen ODER Abstand wählen?
Je mehr dieser Bewegungen mir tatsächlich zur Verfügung stehen, desto größer wird mein innerer Bewegungsraum.
Entwicklung bedeutet deshalb vielleicht gar nicht, alte Bewegungen loswerden zu müssen. Wir können ihnen etwas hinzufügen. Eine weitere Erfahrung. Eine weitere Bewegung. Eine weitere Fähigkeit.
Erkennen – Verkörpern – Ausrichten
Im EVA-Bewusstsein® erforsche ich diesen Prozess über drei Bewegungen.
Erkennen: Was geschieht gerade in mir? Was nehme ich wahr in mir? Welche vertraute Bewegung taucht auf? Woher kenne ich sie?
Verkörpern: Wie fühlt sie sich an? Was geschieht in meinem Körper, wenn ich sie wahrnehme und ihr einen Moment Raum gebe?
Ausrichten: Was steht mir heute zur Verfügung? Welche Bewegung fühlt sich in diesem Augenblick stimmig an?
Vielleicht ist es ein Nein. Vielleicht ein Ja. Rückzug oder Nähe. Sprechen oder Schweigen. Mit jeder neuen Erfahrung kann etwas hinzukommen. Und eines Tages stehen wir wieder in einer Situation, die wir sehr gut kennen. Nur diesmal bemerken wir:
Ich könnte es auch anders machen. Die alte Erfahrung ist noch Teil unserer Geschichte. Doch unser Bewegungsraum ist größer geworden. Vielleicht ist genau das eine Form von Ausdehnung:
Wir dehnen uns durch Erfahrung in unsere Möglichkeiten hinein – bis sie zu Fähigkeiten werden, die uns wirklich zur Verfügung stehen.
Und so bleibt für mich eine Frage:

