Fokus lösen

Fokus lösen

Den Fokus lösen

Ich hatte eine Biene auf dem Sommerflieder im Blick und machte ein Foto.

Erst später, als ich mir das Bild anschaute, entdeckte ich den Grashüpfer. Er war die ganze Zeit da gewesen. Ich hatte ihn nur nicht wahrgenommen. Mein Fokus lag auf der Biene.

Und plötzlich war da dieser Gedanke: 
Wieviel mehr entdecken wir, wenn wir unseren Fokus lösen? 

Unser Fokus hilft uns, uns auf etwas einzulassen. Wir können genauer hinschauen, etwas beobachten, einer Frage nachgehen oder uns einer Aufgabe widmen. Doch während unsere Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes gerichtet ist, nehmen wir anderes möglicherweise kaum wahr. So war es bei mir mit der Biene.

Sie hatte einfach meine volle Aufmerksamkeit bekommen. Und während ich sie im Fokus hatte und fotografierte, war der Grashüpfer ebenfalls da – nur nicht in meinem Fokus.

Erst beim späteren Anschauen des Fotos wurde er für mich sichtbar. 
Das Bild hatte sich nicht verändert. Doch ich sah mehr.

Vielleicht kennen wir das auch aus unserem eigenen Leben. Wir erleben etwas und nehmen es zunächst aus einer bestimmten Perspektive wahr. Unsere Aufmerksamkeit ist bei dem, was uns gerade beschäftigt, berührt oder vielleicht auch belastet.

Später können wir noch einmal darauf schauen – mit etwas Abstand. Mit einer anderen Frage. Oder einfach, weil wir gerade nicht mehr so sehr auf das eine gerichtet sind.

Und manchmal entdecken wir dabei etwas, das wir vorher nicht gesehen haben.

Vielleicht einen Zusammenhang. Eine Empfindung. Einen eigenen Anteil. Oder eine Möglichkeit, die bisher außerhalb unseres Blickfeldes lag.

Die erste Wahrnehmung war deshalb nicht falsch. Sie war das, was wir in diesem Moment wahrgenommen haben. Doch sie muss nicht alles gewesen sein.

Den Fokus lösen

Auch in unserer inneren Arbeit erlebe ich, wie hilfreich es sein kann, den Fokus für einen Moment zu lösen. Wir beschäftigen uns vielleicht mit einer Frage und haben bereits eine Vorstellung davon, wie die Antwort aussehen könnte. Wenn wir diese Vorstellung etwas lockern, kann unsere Aufmerksamkeit wieder weiter werden.

Wir können wahrnehmen, was gerade da ist.

Vielleicht zeigt sich etwas, das wir bisher nicht berücksichtigt haben. Vielleicht verändert sich unsere Sicht auf eine Erfahrung. Vielleicht bleibt die Frage auch einfach noch offen. Wir müssen daraus nicht sofort eine neue Antwort machen.

Es genügt manchmal, noch einmal hinzuschauen.

Für mich gehört das zur Präsenz: wahrzunehmen, was gerade da ist, und offen zu bleiben für das, was ich noch nicht entdeckt habe.

Was ist noch im Bild?

Ich finde es schön, dass mich ausgerechnet dieser riesige Grashüpfer daran erinnert hat. Ich hatte ihn nicht gesucht. Ich hatte ihn auch nicht bewusst übersehen.

Meine Aufmerksamkeit war einfach woanders. Und als ich das Foto später noch einmal anschaute, war er plötzlich da. Hat sich ins Bild gemogelt. 

Vielleicht dürfen wir auch unsere eigenen Erfahrungen manchmal noch einmal anschauen. Ohne gleich etwas verändern zu wollen. Ohne schon zu wissen, was wir darin finden möchten.

Einfach mit der Frage: 
Was erkenne ich noch darin?

Manchmal ist weit mehr zu entdecken, als unser Fokus uns zeigt.
Und manchmal genügt es, ihn für einen Moment zu lösen.