Anker setzen
In meiner Arbeit begegnet mir immer wieder ein Bild:
Ein Kreis, das Energiefeld eines Menschen.
Darin kleinere Kreise für einzelne Lebensbereiche –
Problemfelder wie Angst, Krankheit, Mangel, Verletzung, Beziehungen– und auch Felder von Lebendigkeit, Kraft, Ausdrucksstärke, Gemeinschaft, Zugehörigkeit und vieles mehr.
Bei einer Klientin zeigte sich etwas, das ich schon oft gesehen habe. Das Feld der Angst nahm gespürt fast das gesamte Energiefeld ein. Als hätte es keinen Rand mehr. Als gäbe es nichts anderes mehr in ihr als das. Wir schauten genauer hin, um sie wirklich anzusehen.
Und dabei geschah etwas Interessantes: Aus unserem gemeinsamen Raum der Beobachtung wurde der Kreis wurde kleiner. Nicht weil wir ihn verkleinert hätten. Sondern weil er von Anfang an nie so groß war, wie er sich angespürt hatte. Angst hat diese Eigenschaft. Sie breitet sich aus, bis sie den ganzen Raum einzunehmen scheint. Doch sie war nie der ganze Raum. Trotzdem – solange man mittendrin steht, ist das schwer zu spüren. Deshalb kam mir eine Idee:
Lass uns einen Anker setzen.
Außerhalb des Angst-Feldes, in einem anderen Bereich ihres Energiefeldes,
der ihr Kraft gab.
Bei ihr war das die Mutterschaft. So kann sie, wenn sie sich wieder von der Angst überrannt fühlt, zu diesem Anker schauen. Sich dort kurz festhalten. Und von dort aus, von außen, auf die Angst schauen. Nicht mehr gefangen darin. Sondern in Beziehung dazu.
Das hat mich noch länger beschäftigt. Ich habe mich gefragt: Könnte ich für mich selbst auch einen Anker setzen? Mein erster Gedanke ging in die Zukunft. Ein Ziel, ein Bild von dem, wie es einmal sein soll. Aber das fühlte sich nicht stimmig an. Ein Anker in der Zukunft hat kein wirkliches Gewicht. Er ist noch nicht da. Man hält sich an etwas fest, dass es noch gar nicht gibt. Also ging ich zurück. In die Vergangenheit, dorthin, wo es schon einmal gut war. Wo es schöne, echte Erinnerungen gibt.
Dabei wurde mir noch etwas bewusst:
Wir alle haben längst Anker gesetzt. Nur meistens unbewusst. Und nicht immer in Feldern, die uns guttun. Manchmal liegt unser Anker mitten in einer alten Enttäuschung, einer Angst, einem Mangel – ohne dass wir es je bemerkt hätten. Wir kehren dorthin zurück, ohne zu wissen, dass wir es tun.
Ich stellte mir also die Frage: Wo liegt eigentlich mein Anker? Und wo möchte ich, dass er liegt? In dieser Suche fand ich zunächst keinen Anker. Dann tauchte ein Bild in mir auf. Kein Erinnerungsfetzen aus diesem Leben, eher etwas, das sich anfühlte wie ein früheres. Ein großes Haus. Ein weites, bewirtschaftetes Grundstück. Menschen, die dort gerne arbeiteten und gut dafür entlohnt wurden. Menschen, die mit ihren Sorgen und Nöten zu mir kommen konnten, um Erleichterung zu finden. Es war ein Bild von Wohlstand – aber nicht von Besitz. Von Fülle, die genutzt wurde, um Gutes zu tun. Dieses Bild fühlte sich so schön, so stimmig an, dass ich dachte: Genau dort möchte ich meinen Anker setzen.
Ich stelle mir jeden Anker wie ein Kabel vor, das uns mit einem Ort, einem Feld, einem Gefühl verbindet. Energie fließt darüber – zu uns hin und von uns weg.
Liegen unsere Anker unbewusst in Angst oder Mangel, fließt genau dorthin unsere Energie, ohne dass wir es merken. Setzen wir ihn bewusst in ein Gefühl, in ein Feld, das uns nährt, verändert sich etwas. Jedes Mal, wenn wir zu diesem Anker zurückkehren, fließt uns diese Energie zu. Ein Gefühl von Fülle, von Erfüllung, entsteht nicht nur in der Erinnerung – es beginnt, sich auch im Jetzt zu zeigen (genau wie alle anderen auch).
Vielleicht ist das eine Frage, die es wert ist, sich selbst einmal zu stellen:
Wo liegen meine Anker?
Und würde ich sie, wenn ich es heute bewusst entscheide,
noch einmal genau dort setzen?

