Bewegungen halten können

Bewegung halten

Ein Baum mit tiefen Wurzeln kann Bewegungen halten

Muss ich mich von meinem Platz bewegen, damit etwas Neues geschieht?

Ich saß mehrere Tage hintereinander am selben Ort – Gartenstuhl, Terrasse, Cappuccino. Von außen betrachtet: Wiederholung. Und doch war kein Tag wie der andere. Ein neuer Gedanke tauchte auf, eine andere Frage entstand, ein Zusammenhang wurde sichtbar, den ich vorher nicht gesehen hatte. Ich war am selben Ort. Und trotzdem in Bewegung. Dabei blickte ich auf die großen, alten Bäume hinter dem Grundstück.

Der Baum bleibt

Ein Baum verbringt sein ganzes Leben an einem Ort. Und doch geschieht an ihm ununterbrochen Leben. Äste bewegen sich im Wind. Blätter wachsen und fallen. Vögel landen in seiner Krone. Regen kommt, Sonne, vielleicht ein Sturm. Der Baum bleibt – und während er bleibt, geschieht alles andere. Beständigkeit und Bewegung widersprechen sich nicht. Manchmal ermöglicht das eine sogar das andere.

Tiefe Wurzeln

Je länger ich bei diesem Blick blieb, desto wichtiger wurden mir die Wurzeln. Sie geben dem Baum Halt. Gerade deshalb darf der Wind an ihm rütteln, dürfen seine Äste nachgeben und seine Blätter tanzen. Vielleicht brauchen auch wir etwas, das uns hält, während Leben geschieht.

Unsere inneren Werte.
Das Vertrauen in uns selbst.
Die Präsenz im gegenwärtigen Moment.

Aus dieser Verwurzelung heraus dürfen wir beweglich sein.

Bewegung halten

Vielleicht versuchen wir manchmal, Sicherheit dadurch herzustellen, dass möglichst wenig in Bewegung gerät. Doch Leben bewegt sich. Menschen verändern sich. Beziehungen verändern sich. Wir selbst verändern uns. Und manchmal verändert sich sogar unser Blick auf etwas, von dem wir gestern noch überzeugt waren.

Was wäre, wenn Sicherheit nicht darin liegt, dass alles bleibt, wie es ist?

Vielleicht liegt sie auch in der Erfahrung: Ich kann mich bewegen, ohne mich zu verlieren. Ich kann etwas infrage stellen, das gestern noch zu mir gehörte. Ich kann meine Meinung verändern. Ich kann mich auf einen Menschen einlassen und trotzdem bei mir bleiben. Ich kann an meinem Platz bleiben – und mich dort verändern.

Die Wurzel verhindert die Bewegung nicht. Sie hält sie.

Und was hält mich?

Vielleicht liegt darin eine besondere Form von Freiheit. Ich brauche nicht immer einen neuen Ort, eine neue Erfahrung oder eine äußere Veränderung, damit Leben geschieht. Ich kann anwesend genug sein, um die Bewegung wahrzunehmen, die längst da ist. Und vielleicht ist es gerade das, was mich hält, das mir erlaubt, mich zu bewegen.

Derselbe Gartenstuhl

Vielleicht sitze ich morgen wieder auf demselben Gartenstuhl. Von außen sieht es aus wie gestern. Doch die Sonne steht anders. Der Wind bewegt andere Blätter. Andere Gedanken tauchen auf. Und ich trage bereits die Erfahrungen von heute in mir.

Ein Baum mit tiefen Wurzeln
muss seinen Platz nicht verlassen,
um lebendig zu sein.

Er steht.
Er wächst.
Er bewegt sich.